THEA WIEBKE

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Die alte Villa

 

„Es gibt keine andere Wahl.“ Bürgermeister Klaus Hartmann saß in seinem abgenutzten braunen Anzug am Stammtisch in Kalles Lokal. Er sah den ergrauten Mann neben sich an, der mit seiner Brille spielte. „Wir müssen die alte Villa abreißen. Sie verschlingt zu viel Geld und ist ein Schandfleck für unsere Gemeinde.“

Werner Niemand, der als Grundschullehrer tätig war, sah seinen einstigen Schulkameraden empört an. Die Wangenmuskeln in seinem Gesicht bebten vor Wut. „Klaus, du kannst sie nicht einfach abreißen. Sie gehört zu unserem Dorf wie der Teich am Anger oder die Festwiese bei der Feuerwehr.“

„Ich wusste, dass du das sagst.“ Hartmann verzog das Gesicht und verdrehte die Augen. „Werner, ich sag dir eins, es spukt dort. Bei meinem letzten Besuch floss aus einem der Wasserspeier eine stinkende Flüssigkeit und eine Taube lag mit abgeschlagenem Kopf vor der Eingangstür. Ich habe mich nicht reingetraut, weil neben einem merkwürdigen Klopfen auch ein singendes und schnarrendes Geräusch aus den alten Mauern drang.“

Die Augen des Lehrers blitzten auf. „Das ist doch wunderbar! Damit können wir Werbung machen. Die Touristen werden uns die Bude einrennen und die örtliche Presse wird begeistert sein.“ Er klatschte in die Hände und strahlte über das ganze Gesicht. „Eine Spukvilla hier bei uns.“

„Dann trampeln noch mehr Deppen in unserem schönen Dorf herum.“ Heftig schüttelte der Bürgermeister den Kopf. „Werner, seien wir mal ehrlich. Niemand möchte an einem Ort wohnen, an dem es spukt. Und als Verkaufs- oder Investitionsobjekt taugt die verfallene Villa schon längst nicht mehr.“

Werner Niemand holte tief Luft und stieß sie geräuschvoll wieder aus. „Wenn das der Graf von Marlow wüsste, dass du seinen Familienstammsitz vernichten willst. Der würde sich im Grab umdrehen.“

„Der ist doch schon lange tot und Erben gab es damals nicht.“ Der Bürgermeister trank einen kräftigen Schluck aus seinem Bierglas und wischte den Schaum mit dem Handrücken ab. „Die Sicherung des Grundstücks verschlingt zu viel Geld. Das muss ein Ende haben. Morgen tagt der Gemeinderat und dann, tschüss alte Lady.“

„Aber was ist mit den Besuchern, die nur ihretwegen herkommen? Die spülen doch auch Geld in die Kassen.“ Der Grundschullehrer trank ebenfalls aus seinem Glas. Nur dass dieses statt Bier Apfelsaft aus der Region enthielt.

„Du meinst doch nicht etwa die Spinner mit den Spraydosen, die alles beschmieren?“

„Nein.“ Werner Niemand rappelte sich auf und setzte sich kerzengerade hin. Die folgenden Worte sprudelten nur so aus seinem Mund. „Ich meine die Menschen, die sich gern verlassene Orte ansehen und sich für die Geschichte alter Fabriken, Krankenhäuser oder Villen interessieren. Für sie ist die einzigartige Atmosphäre in dem verfallenen Gebäude etwas Besonderes. Niemand von ihnen würde sie jemals beschmieren oder zerstören.“

„Danke, Herr Lehrer, für den netten Vortrag.“ Hartmann lächelte herablassend. Er hatte den schwächlichen Jungen mit der schief sitzenden Brille seit der gemeinsamen Grundschulzeit gemocht.

Aber dessen Strebsamkeit nervte ihn nach wie vor. „Mir ist es doch egal, ob die in der Vergangenheit rumstöbern oder sich mit sonstigen nutzlosen Sachen beschäftigen. Das Grundstück befindet sich in einer exzellenten Lage und die Gemeinde braucht das Geld.“

„Ah, daher weht der Wind.“ Werner Niemand griff nach seiner Brille, putzte sie mit einem Zipfel seines beigefarbenen Hemdes und setzte sie wieder auf. „Es geht dir weder um den Ruf der alten Villa noch um die Kosten, die ihre Sicherung verschlingt. Du möchtest möglichst viel Profit mit ihr generieren.“

Hartmann schob seinen hellbraunen Bierdeckel, der bereits vier schwarze Kugelschreiberstriche aufwies, an den Rand des Tisches und hob zum Gastwirt blickend die Hand. „Werner, wir müssen wirtschaftlich denken. Die Kassen sind leer und der Dorferhalt ist teuer. Denk doch mal an den Spielplatz, den wir sperren mussten. Wo sollen unsere Kinder in Zukunft spielen?“

Der Grundschullehrer blickte seinen Freund herausfordernd an. „Oder an den Anlegeplatz am verseuchten Kanal, den wir umsonst gebaut haben?“ Siegessicher fuhr er fort: „Du weißt schon, dass unzählige Fledermäuse in der Villa ihr Quartier bezogen haben? Sie stehen unter Naturschutz und überwintern dort.“

„Pah, du meinst doch nicht etwa die hässlichen Flatterdinger, die an der Decke hängen und schlafen? Die braucht doch nun wirklich niemand.“ Er schaute seinen Schulfreund nachsichtig an. „Übrigens, heute gibt es sauer eingelegte Gurken und Bratkartoffeln. Willst du auch eine Portion?“

 

Am nächsten Nachmittag hatte der Gemeinderat getagt und die Entscheidung zum Abriss der gräflichen Villa wegen der geschützten Fledermäuse verschoben. Bürgermeister Klaus Hartmann fuhr mit dem Fahrrad die holprige Kopfsteinpflasterstraße am Feuerwehrteich entlang. Er grüßte hier, winkte dort und war stolz über die gepflegten Einfahrten und üppig bepflanzten Blumenkästen, die das Dorf zum Strahlen brachten. Mehrfarbige Geranien, Fuchsien und Hänge-Petunien tummelten sich auf den Fensterbänken und beflügelten seine Eitelkeit.

Von einem Dienstwagen hielt Hartmann nichts. Seit seinem fünften Lebensjahr fuhr er mit seinem Drahtesel durch Klein Krummersdorf. Anfangs zum Spielplatz, später zur Schule und für die Berufsausbildung zur Schweinemästerei. Vor 18 Jahren war er ins Rathaus gezogen und kümmerte sich seitdem um ein gut funktionierendes Dorfgeschehen.

Heute bog er hinter der kleinen Bäckerei auf den Kanalweg ab, um den Anlegeplatz zu kontrollieren. Seit Werner Niemands Kritik an dem verschwendeten Geld, ging ihm der ungenutzte Steg nicht mehr aus dem Kopf. Kurz bevor eine Biegung aufs Wasser blicken ließ, nahm er die alte Villa wahr, die sich würdevoll und viel zu selbstherrlich am Rand des Kiefernwaldes erhob. Bröckelnde Mauern, zerbrochene Fensterscheiben und ein durchlöcherter Bauzaun zeugten davon, dass hier Natur und Mensch die einstige Schönheit des Gebäudes zerstörten. Ein sanfter Spätsommerwind strich durch die verfallenen Mauern und wiegte das wild wuchernde Blattwerk hin und her.

Hartmann, der noch immer erbost über die Entscheidung des Gemeinderates war, stieg vom Fahrrad. Er lehnte es an eine Kiefer und lief den stellenweise nach innen gekippten Bauzaun entlang. Dieser erinnerte ihn an einen missglückten Domino Parcours, dessen Steine nur zum Teil umgefallen waren.

Hinter der Villa, in Höhe des zugenagelten Außeneingangs zum Keller entdeckte Hartmann ein Loch, durch das er sich nach eingehender Betrachtung zwängte. Dabei übersah einen vorstehenden Draht und zuckte zusammen, als sich dessen rostige Spitze schmerzhaft in seinen Unterarm bohrte. Warm tropfte Blut aus der Wunde, und er leckte es instinktiv ab. So wie als Kind. Nur hatte es damals besser geschmeckt. Angewidert spukte er das Gemisch aus Blut und klebrigem Speichel aus.

Jenseits des Zaunes schaute sich der Bürgermeister nach einer Möglichkeit zum Eindringen um und entdeckte am Ende eines Trampelpfades ein Fenster, das offenstand. Er krempelte die Hosenbeine hoch und lief darauf zu. Der durchdringende Schrei eines Tieres ließ ihn innehalten. Verängstigt blieb Hartmann stehen und schaute sich nach allen Seiten um. Ein unangenehmes Kribbeln lief über seinen Rücken und die Arme hinab. Ob das die Fledermäuse waren oder nur ein Tier im Wald? Bestimmt war es besser, hier umzudrehen, bevor noch etwas Schreckliches geschah. Er krempelte die Hosenbeine herab und richtete sich auf. Um ihn herum war alles still.

Was bist du nur für eine Weichwurst, beschimpfte er sich. Ein Hartmann gibt niemals auf. Er straffte seine Schultern und schritt erneut den Trampelpfad entlang. Am Fenster angekommen, schob er es weiter auf und lauschte hinein. Die merkwürdigen Geräusche, die er bei seinem letzten Besuch vernommen hatte, waren heute nicht da. Er stieg auf den tief angebrachten Fenstersims und spähte hinein. Was er dort sah, faszinierte ihn. Er schwang die Beine über die Brüstung und plumpste auf den staubigen Boden.

Ein mahagonifarbenes Klavier stand mitten in dem von Rundbögen und Stuck beherrschten Raum, der mit kleinen quadratischen Natursteinen ausgelegt war. Vor dem Klavier verharrte eine mit dunkelgrünem Samt bezogene Holzbank, die, von Nagern zerfressen, bemitleidenswert aussah. Dafür strahlte der bronzefarbene Kronleuchter in voller Pracht, der von der zerstörerischen Kraft der Zeit wenig abbekommen hatte.

Was für eine Verschwendung, dachte Hartmann und schaute sich nach den hängenden Fledermäusen um. Im Musikzimmer gab es keine. Auch der Flur war von ihnen verschont. Erst nach intensivem Stöbern fand er in einem leer geräumten und mit Graffiti besprühten Schlafgemach mehrere graubraune Knäule, die aus kopfüber hängenden Tieren bestanden. Dicht aneinandergedrängt boten sie einen Anblick, der gleichermaßen faszinierend und ekelerregend war. Die Luft im Raum roch moderig und feucht. Sie erinnerte ihn an den Keller im Haus seiner Oma, der voller Schimmel und Spinnennetze war. „Hier steckt ihr also, ihr hässlichen Monster, und vereitelt meinen Plan.“ Hartmann stierte sie wütend an. „Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt.“

Siegessicher verließ er den Raum und sah sich in der Villa nach passenden Utensilien um. Holzdielen knarrten unter seinen Schritten, Staub wirbelte auf und ein leises Scharren bescherte ihm eine Gänsehaut. Unter der Treppe fand er endlich das Gesuchte, holte aus dem Musikzimmer die zerfranste Bank und kletterte zu den reglosen Knäulen hinauf. Auf Zehenspitzen stehend, drosch er mit dem Reisigbesen auf die Fledermäuse ein. Viele von ihnen fielen verletzt herab. Einige konnten sich ans raue Gemäuer retten. Die restlichen flogen verwirrt herum. Sie taumelten und stießen gegen seinen Körper oder streifen mit ausgebreiteten Flügeln sein Gesicht. Angewidert schlug er nach ihnen.

„Haut ab, ihr Biester! Ihr seid hier nicht erwünscht!“ Immer wieder schnellte der Reisigbesen an die Decke, krachte gegen Wände und erwischte ein Tier im Flug. Der Bürgermeister genoss die Barbarei. Höhnisch lachend wütete er, bis ein lautes Knacken alles beendete. Ohne Halt zu finden, stürzte er mit einem entsetzten Schrei auf die von Würmern zerfressenen Holzdielen hinab. Von der Last des wohlbeleibten Bürgermeisters überfordert, gaben die morschen Bretter ächzend nach und klemmten den Störenfried mit spitzen Klauen ein.

„Hilfe!“, schrie er. „Hilfe, hört mich jemand? Ich brauche Hilfe.“

Fassungslos schaute er sich in dem von Staub und Geröll beschmutzten Raum um. Dabei blieb sein Blick an einer graubraunen Fledermaus hängen, die an einem bröckelnden Gewölbepfeiler Zuflucht gesucht hatte und ihn grimmig anstarrte. Er sah, wie sie die Zähne fletschte und einen für ihn unhörbaren Laut ausstieß.

Fledermäuse schwärmten aus allen Richtungen zum Kronleuchter. Sie hängten sich an seine Arme und Ketten. Lange dauerte es nicht, bis er unter ihrem Gewicht schwankte. Erst ein wenig, dann immer mehr, bis er mit seinen Außenarmen an die Decke stieß. Es knirschte und knackte. Hartmann überbekam panische Angst. Erneut versuchte er, sich zu befreien und rutschte noch tiefer in das hölzerne Loch des Bodens hinein. Laut beschimpfte er die kleinen Flattertiere, drohte ihnen, sie auszurotten, und wünschte ihnen einen qualvollen Tod.

Als seine Luft knapp wurde und sein Kreislauf stolperte, entschuldigte er sich bei ihnen. Doch seine Einsicht kam zu spät. Der Kronleuchter schaukelte und bebte immer mehr. Er drehte sich im Kreis und schepperte laut. Glassplitter und Kalkstaub rieselten auf Hartmann hinab, setzten sich in Augen und Nase fest und verklebten seinen vom Schreien trockenen Mund.

„Wenn das unser Bürgermeister Klaus Hartmann wüsste“, dachte Werner Niemand. „Der würde sich im Grab umdrehen.“ Zwei Tage nach dem tödlichen Unfall in der alten Villa saß er mit einem Stapel Zeitungen in Kalles Spelunke und trank ein Glas Apfelsaft aus der Region. Das Stimmengewirr, das aus jeder Ecke des überfüllten Gastraumes zu ihm drang, gehörte den Reportern und Kameraleute, deren Übertragungswagen die Kopfsteinpflasterstraßen des Dorfes verstopften.

„Tödlicher Unfall in Fledermausvilla“, „Spukvilla schlägt zurück“, „Ist die Villa des Grafen verflucht?“. Eine Schlagzeile jagte die nächste. Fernsehsender berichteten live vom Unfallort und die Babelsberger Filmakademie schickte Studenten, um eine Dokumentation über das neue Fledermausquartier in der alten Spukvilla zu drehen. Klein Krummersdorf wurde berühmt.

Bürgermeister Klaus Hartmann hatte alles erreicht, was er sich für sein Dorf erträumt hat. Nur war der Weg dorthin ein anderer als gedacht.

 

(©) by Thea Wiebke

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